„Ende des Jahres 2020 besuchte ich einen guten Bekannten, von dem ich schon seit vielen Jahren kostenlos Brennholz bezogen hatte. Seine etwa ein halbes Jahr später verstorbene Frau hatte damals Demenz im Endstadium, konnte nicht mehr sprechen (brachte nur noch ein „AAAAAAAAAA" über die Lippen und benötigte eine 24-Stunden-Pflege.

Während ich mich mit meinem Bekannten in seinem Esszimmer unterhielt, kam seine Frau in die vorgelagerte Küche, um sich ein Getränk zu holen. Von dort aus konnte sie nur mich sehen, aber nicht ihren Mann. Als ich in ihr Blickfeld kam, begrüßte sie mich und begann ein Gespräch mit mir, und zwar in einem perfekten Deutsch, wie ich sie zuvor noch nie habe sprechen hören (sie hat immer nur Dialekt gesprochen). Nach etwa einer Minute sagte ihr Mann aus dem Hintergrund verwundert zu ihr: „Du kannst ja auf einmal wieder sprechen!" Augenblicklich änderte sich ihr Gesichtsausdruck und sie fiel zurück in ihre Sprachlosigkeit mit „AAAAAA", womit unser Gespräch ein abruptes Ende fand ."

Fazit dieser Geschichte:

Dieser Vorfall zeigt, dass Demenz (wie auch viele andere körperliche und psychische Krankheiten) offensichtlich keine Krankheiten sind, denn sonst hätte diese Frau nicht automatisch durch meine Gegenwart plötzlich in einen Zustand vollkommener Bewusstheit zurückkehren und auch nicht klar sprechen können.

Die Symptome der Demenz treten offensichtlich nur in einem bestimmten Milieu, bzw. Umfeld und besonderer Konfliktsituationen auf und sind Botschaften an eine oder mehrere Personen, wobei keine der Beteiligten der Situation entfliehen kann, wie es beispielsweise in einer Familie oder in einem Pflegeheim der Fall ist.

Da mich diese Frau in keiner Weise mit ihrem Mann in Verbindung brachte und ich, im Gegensatz zu ihrem Mann, offensichtlich aus ihrer Demenz auch nichts zu lernen hatte, sah ihr Unterbewusstsein auch keinen Grund, mir gegenüber in dieser „Demenzmaske" aufzutreten. Als dann aber ihr Mann „auf der Bühne erschien", war ihr Unterbewusstsein gezwungen, sich sofort wieder dieser Maske zu bedienen, sonst wäre ihr äußeres Selbst unglaubwürdig geworden und seine „Demenzmaske" hätte niemand mehr ernst genommen, mit gravierenden Folgen: Das Ziel, bei der betroffenen Bezugsperson damit eine Bewusstseinsveränderung zu erreichen, wäre kläglich gescheitert.

Dass Personen ausgerechnet Demenz als Lebenserfahrung wählen, liegt wohl darin, dass die Demenz verschiedene Symptom-Variationen ermöglicht, je nachdem, was beim Adressaten in einer bestimmten Situation gerade „am besten ankommt", will heißen, am besten geeignet ist, verstanden zu werden und ihn zumindest zu einem Nachdenken über sein bisheriges Verhalten gegenüber der dementen Person verhelfen könnte.