Eine Geschichte aus „Gespräche mit Gott“ Bd.  I u. III,  v. Neale Donald Walsch, Goldmann Verlag.

„Es war einmal eine Seele, die sich als das Licht erkannte. Es war eine sehr neue Seele und deshalb auf Erfahrung erpicht. „Ich bin das Licht“, sagte sie. „Ich bin das Licht.“ Doch all dieses Wissen und Aussprechen konnte die Erfahrung davon nicht ersetzen. Und in dem Reich, aus dem die Seele auftauchte, gab es nichts außer dem Licht. Jede Seele war großartig, jede Seele war herrlich, und jede Seele erstrahlte im Glanz MEINES ehrfurchtgebietenden Lichts. Und so war diese kleine Seele eine Kerzenflamme in der Sonne. Inmitten des grandiosesten Lichts – von dem sie ein Teil war – konnte sie sich selbst nicht sehen und auch nicht erfahren, wer-und-was-sie-wirklich-ist.

Nun geschah es, dass diese Seele sich danach sehnte und verzehrte, sich selbst kennen zu lernen. Und so groß war ihr Verlangen, dass ICH eines Tages zu ihr sagte: „Weißt du, Kleines, was du tun musst, um dein Verlangen zu befriedigen?“ „Oh, was denn, Gott? Was? Ich werde alles tun!“ sagte die kleine Seele.

„Du musst dich vom Rest von uns trennen“, gab ICH zur Antwort, „und dann musst du für dich die Finsternis herbei beschwören.“

„Was ist die Finsternis, o Heiligkeit?“ fragte die kleine Seele.

„Das, was du nicht bist“, erwiderte ICH, und die Seele verstand.

Und so entfernte sie sich von Allem und machte sich sogar in ein anderes Reich auf. Und in diesem Reich hatte die Seele die Macht, sämtliche möglichen Formen von Finsternis in ihre Erfahrung zu rufen. Und das tat sie auch.

Doch inmitten all der Finsternis rief sie aus: „Vater, Vater, warum hast du mich verlassen?“

„Du kannst dir aussuchen, was für ein Teil von Gott du sein möchtest“, sagte ich zu der kleinen Seele. „Du bist absolute Göttlichkeit, die sich selbst erfährt. Welchen Aspekt der Göttlichkeit möchtest du nun als dein Selbst erfahren?“

„Du meinst, ich habe die Wahl?“ fragte die kleine Seele. „Ja“, antwortete ICH. „Du kannst dir jeden Aspekt der Göttlichkeit aussuchen, den du in deinem, als und durch dein Selbst erfahren möchtest.“

„Okay“, sagte die kleine Seele, „dann wähle ich Vergebung. Ich möchte mein Selbst als jenen Aspekt Gottes erfahren, den man vollkommene Vergebung nennt.“

„Nun, das ist keine geringe Herausforderung, … Es gibt niemanden, dem du vergeben könntest. Alles, was ICH geschaffen habe, ist Vollkommenheit und Liebe.“

„Keiner, dem zu vergeben wäre?“ fragte die kleine Seele etwas ungläubig.

„Keiner“, bestätigte ich. „Schau dich um. Siehst du irgendwelche Seelen, die weniger vollkommen, weniger wunderbar sind als du?“

Die kleine Seele wirbelte herum und sah sich zu ihrer Überraschung von allen Seelen im Himmel umgeben. Sie waren von fern und nah aus dem ganzen Reich gekommen, weil sie gehört hatten, dass die kleine Seele ein außergewöhnliches Gespräch mit Gott führte.

„Ich sehe niemanden, der weniger vollkommen wäre als ich!“ rief die kleine Seele. „Wem soll ich denn dann vergeben?“

Da trat eine andere Seele aus der Menge hervor. „Du kannst mir vergeben“, sagte diese freundliche Seele.

„Wofür?“ fragte die kleine Seele.

„Ich werde in deinem nächsten physischen Leben zu dir kommen und etwas tun, wofür du mir vergeben kannst“, erwiderte die freundliche Seele.

„Aber was? Was könntest du, ein Wesen so vollkommenen Lichts, tun, das ich dir vergeben wollte?“ erkundigte sich die kleine Seele.

„Oh“, gab die freundliche Seele lächelnd zurück. „Ich bin sicher, wir können uns da etwas einfallen lassen.“

„Aber warum würdest du das tun wollen?“  Der kleinen Seele war es ein Rätsel, warum ein Wesen von solcher Vollkommenheit tatsächlich etwas „Schlechtes“ tun wollte.

„Ganz einfach, ich würde es tun, weil ich dich liebe“, erklärte die freundliche Seele. „Du möchtest dein Selbst als vergebend erfahren, nicht wahr? Abgesehen davon hast du dasselbe für mich getan.“

„Das habe ich?“ fragte die kleine Seele.

„Natürlich. Erinnerst du dich nicht mehr? Wir sind alles davon gewesen, du und ich. Wir sind das Oben und das Unten, das Linke und das Rechte davon gewesen. Wir waren das Hier und das Dort und das Jetzt und das Dann. Wir waren das Große und das Kleine, das Männliche und das Weibliche, das Gute und das Schlechte davon. Wir waren das Alles davon.

Und das taten wir aufgrund einer Vereinbarung, damit jede von uns sich, wir alle uns, als den großartigsten Teil Gottes erfahren konnten. Denn wir haben verstanden, dass in der Abwesenheit dessen, was du nicht bist, das, was du bist, nicht ist.

In der Abwesenheit von ‚kalt‘ kannst du nicht ‚warm‘ sein. In der Abwesenheit von ‚traurig‘ kannst du nicht ‚glücklich‘ sein, ohne ein Ding, das man das ‚Böse‘ nennt, kann die Erfahrung, die man das ‚Gute‘ nennt, nicht existieren.

Wenn du die Wahl triffst, etwas zu sein, dann muss irgend etwas oder irgend jemand im Gegensatz dazu irgendwo in deinem Universum auftauchen, um das zu ermöglichen.“

Dann erklärte die freundliche Seele, dass diese Wesen Gottes „Spezialengel“ und diese speziellen Umstände, Gottes Geschenke sind.

„Ich bitte dich nur um eines im Austausch dafür“, sagte sie schließlich.

„Alles, was es auch sei!“ rief die kleine Seele. Das Wissen, dass sie die Erfahrung von jedem göttlichen Aspekt machen konnte, machte sie ganz aufgeregt. Sie verstand nun den Plan.

„In dem Augenblick, in dem ich dich schlage und peinige, in dem Moment, in dem ich dir das Schlimmste antue, das du dir je vorstellen kannst – genau in diesem Augenblick“, so sagte die freundliche Seele, „solltest du dich daran erinnern, wer ich wirklich bin.“

„Oh, ich werde es nicht vergessen!“ versprach die kleine Seele. „Ich werde dich in all der Vollkommenheit erkennen, in der ich dich jetzt sehe, und ich werde mich immer daran erinnern, wer du bist.“

Opfenbach, den 29.06.2013

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One Response so far.

  1. Ramona sagt:

    Ich bin sprachlos bewegt.
    Endlich!

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